Bericht einer privaten Tour von Alpenvereins-Mitgliedern.



Einmal auf dem höchsten Berg der Alpen zu stehen, davon träumen wohl viele Bergsteiger. Am italienischen Normalweg kann man sich den Gipfel noch ohne Bahnunterstützung und über raues Gelände vom Tal aus erarbeiten. Der Weg ist wegen des doch hohen Anspruchs und der wenigen Hüttenschlafplätze im Gegensatz zum französischen Normalweg nicht überlaufen. Nur hin und wieder trifft man unterwegs auf gleichgesinnte, die man aber bereits vom Vortag auf der Gonella Hütte kennt.



Aber: die 23,3 km und 3.476 Höhenmeter für den Aufstieg sind nicht ohne. Unterstützung durch Fixseile, Bohrhaken oder Markierungen sucht man hier vergebens.
Unzählige Vorbereitungstouren standen seit Dezember 2025 auf dem Programm von Sigi Lindbüchl und Kone Pfoser, um dieses Projekt zu verwirklichen: Watzmann Hocheck Winterbesteigung, Frühmorgens die Arber Skipiste hoch um die Gletschersteilheit zu simulieren, Klettertraining mit Steigeisen am eingeschneiten Osser Südgrat, die Überschreitung eines engen Schneegrats am Triglav, Wegsuche auf Jägersteigen am Hohen Nock und Schafberg sind nur ein Teil des Programms, das wir auf kürzeste Zeit durchgedrückt haben. Der Papstweg hat uns dann auch nicht enttäuscht. Bei dieser Tour wurde ausnahmslos alles abgefragt, was wir je über das Bergsteigen gelernt haben.



Aber nun der Reihe nach. Am 06.06. Juni starteten wir mit unserer Gruppe in die Hochtourensaison. Noch einmal Höhenluft auf dem Johannisberg schnuppern, bevor zwei Wochen später schon das Jahreshighlight ansteht.
Am Samstag 20. Juni starteten wir endlich Richtung Italien. Frühmorgens um 03:30 war Abfahrt in Tittling. Unterwegs wurde unsere gute Freundin Tanja Kaiser in Innsbruck eingesammelt. Zur Akklimatisierung planten wir Touren im Monte Rosa Gebirge, in dem wir bereits im Vorjahr Teile der legendären Spaghetti-Runde gemacht hatten.
Nach einer, fürs erste, letzten gemütlichen Nach im Hotel gings am Sonntag bei bestem Wetter auf die Alta Luce. Ein nicht vergletscherter Vorgipfel auf 3.184 Metern, umgeben von zahlreichen Gletschern und majestätischen Viertausendern. Oben auf dem Gipfel mussten wir dann auch gar nicht lange suchen, um in der Ferne den Mont Blanc zu erspähen. Eine Silhouette, die einem nicht nur Vorfreude, sondern auch gewaltigen Respekt abverlangt.
Den Nachmittag und die Nacht verbrachten wir auf der auf 2.600 Metern gelegenen Orestes Hütte. Von hier aus ging es am Montagmorgen mit Seilbahnunterstützung auf die auf Punta Giordani. Die schwarze Madonnenfigur auf 4.046 Metern erreicht man von der Bergstation Punta Indren über einen steilen Gletscher und im Gipfelbereich mit einer kleinen Gratkletterei. Nach dem Gipfel ging es für uns für eine Nacht auf die Mantova Hütte, die für viele als Stützpunkt für die Besteigung weiterer Viertausender gewählt wird. Für uns ging es am nächsten Morgen jedoch wieder mit der Seilbahn zurück ins Tal und von hier aus per Auto nach Courmayeur. Hier angekommen gabs kein zurück. Nicht nur die Vorfreude, sondern auch die Anspannung war bei uns allen nicht mehr zu leugnen.
Die Wettervorhersage für die nächsten Tage meinte es gut mit uns. Vielleicht etwas zu gut. Schon im Monte Rosa Gebiet merkte man, dass die Hitzewelle auch auf viertausend Metern angekommen ist. Die Gletscher zeigten sich in größeren Teilen bereits ohne Schneeauflage. Die Nächte auf den Hütten waren für diese Höhe angenehm mild. Die Tage deutlich zu warm. Wir ahnten schon, dass unsere Route auf den Mont Blanc vom Zustand her vielleicht noch ein Stück weit schwieriger sein wird, als wir es aus Tourenbeschreibungen vergangener Jahre entnehmen konnten.
Am Mittwoch 24.06. stiegen wir zur Gonella Hütte auf. Bereits der Hüttenzustieg ist als anspruchsvolle Hochtour klassifiziert. Den ersten Abschnitt bis zum Rifugio Combal erreicht man über breite Schotterwege. Die Aussicht ist dabei einfach nur Traumhaft. Entlang des Wegs schlängelt sich ein breiter Bach, gespeist aus kaltem Gletscherwasser, wilde Blumenwiesen und überall wo man hinblickt, findet man die schönsten Gesteinsformationen. Gleich nach der Hütte wird’s jedoch alpin. Nachdem man einen engen Schuttgrat passiert hat, geht es auf den Miage Gletscher. Vom Gletscher an sich ist meist wenig zu sehen. Aufgrund der regelmäßigen Steinschläge ist fast alles mit Schotter, kleineren und größeren Gesteinsbrocken bedeckt. Hier geht es in etwa fünf Kilometer immer leicht ansteigend durch die Schlucht. Der eigentliche Hüttenaufstieg verlässt den Gletscher und führt über einen steilen, nur teilweise präparierten Felsgrat hinauf zur Hütte. Auf diesem Steig bekommen wir bereits einen Einblick, warum der italienische Weg von den meisten Bergsteigern nur als Zustiegsweg auf den Gipfel gewählt wird. Auch wir entschieden uns, am Gipfeltag nichts auf der Hütte zurückzulassen, um optional über die Goûter Hütte in Frankreich absteigen zu können.
Der Donnerstag war als Rasttag vorgesehen. Wir nutzten die Zeit auf der Hütte um etwas Schlaf nachzuholen und mit anderen Hüttengästen die Route zu besprechen. Nach dem Abendessen gings wieder ins Bett. Uns stand eine sehr kurze Nacht bevor. Während zu Hause in den deutschen Wohnzimmern der Halbzeitpfiff des Deutschlandspiels ertönte, klingelte bei uns der Wecker. Hüttenwirt Mauro und sein Team waren noch wach und bereiteten unser „Frühstück“ für 23:00 Uhr vor.
Nach einem kurzen Regenschauer konnten wir um 23:55 aufbrechen. Im Schein der Stirnlampen machten wir uns zu Dritt auf den Weg zum Dôme Gletscher. Der Gletscher ist in weiten Teilen sehr steil, stark zerklüftet und erfordert eine anspruchsvolle Routenfindung um Séracs und Spalten. Auch hier hält man sich aufgrund der hohen Stein- und Eisschlaggefahr bestenfalls weit von den Rändern entfernt. Immer wieder hörte man im Dunkeln irgendwo das Krachen an umliegenden Felswänden. Die ersten ca. 800 Höhenmeter legten wir in zwei bis zweieinhalb Stunden zurück. Am oberen Ende des Gletschers führt die Route über steiles, brüchiges Schrofengelände und einen schmalen, teils firnbedeckten Grat hinauf zum Piton des Italiens. Vorher ist aber noch eine Steilwand zu überwinden, die aufgrund des Gletscherrückgangs mittlerweile ca. drei Meter hoch ist und allerhöchste Konzentration erfordert.



Der Piton des Italiens markiert die Grenze zwischen Italien und Frankreich. Hier erreicht man erstmals die Viertausendermarke und folgt einem exponierten und schmalen Grat dem Weg Richtung Dôme du Goûter. Wir erreichten diese Passage gegen 04:20 Uhr. Trotz gefühlter Wärme war der Grat noch gut durchgefroren und konnte daher sicher überschritten werden, auch, wenn an der schmalsten Stelle kurzzeitig nur noch ca. 20 cm Restschnee vorhanden waren. Spätestens hier war uns klar, dass die Option zum Abstieg über Frankreich eine gute Entscheidung war.
Am Ende des Grates hat man bereits gut 1.000 Höhenmeter in den Beinen. Der Weg wird schnell wieder sehr breit. Erleichtert kann man bei einer kurzen Pause auf die zurückliegende Kletterpassage zurückblicken. Aber man weiß auch, dass der konditionell anspruchsvollste Teil noch vor einem liegt. Bis zum Gipfel stehen noch weitere 800 Höhenmeter an. An der Stelle, wo unser Weg in den französischen Normalweg mündet, wurden wir mit einem gewaltigen Sonnenaufgang und herrlichem Panorama belohnt.
Von der Gonella Hütte starteten in dieser Nacht insgesamt 13 Personen. War man bisher also so gut wie alleine in der Stille unterwegs, ist man bei Erreichen des französischen Normalwegs schnell wieder in der Realität zurück. Kolonnen an Seilschaften bahnen sich den Weg hoch zum Gipfel.
Glücklich und ziemlich ausgelaugt erreichten wir gegen 08:50 Uhr den höchsten Punkt der Alpen. Kurzzeitig aufkommender Nebel trübte zwar die Aussicht etwas, dafür mussten wir uns den Gipfel in diesem Moment aber nur mit einer weiteren Seilschaft teilen. Nach kurzer Zeit lichtete sich auch der Nebel wieder und man realisierte erst dann so richtig, dass es umliegend keinen höheren Gipfel mehr gibt.
Nachdem es sehr schnell wieder sehr warm wurde, fiel die finale Entscheidung, dass wir nicht zurück zur Gonella Hütte, sondern zur französischen Goûter Hütte gehen. Besteigt man den Mont Blanc aus Italien, hat man auf der Goûter Hütte auch ohne vorherige Reservierung Anspruch auf einen Schlafplatz, um nachmittags nicht mehr das berüchtigte Grand Couloir queren zu müssen. Gegen Mittag erreichten wir die Goûter Hütte. Zwei Teller Spaghetti und zwei Dosen Cola später fielen wir erst einmal erschöpft in unser Bett.
Am Samstag konnten wir vergleichsweise fast ausschlafen. Der Wecker klingelte erst um 04:00 Uhr für die letzte Etappe. 2.000 Höhenmeter waren noch im Abstieg zur Seilbahn Bellevue zu bewältigen. Unklar war dabei nur noch bis zuletzt, wie wir vom französischen les Houches wieder ins italienische Courmayeur kommen. Oftmals braucht es dann einfach etwas Glück. Neben Glück mit dem Wetter und den doch noch machbaren Bedingungen kam ein weiterer Glücksfall hinzu. Ein italienischer Bergführer bot uns in der Seilbahn an, uns zu unserem Auto zu fahren. Er müsste ja sowieso nach Mailand. Gerne nahmen wir dieses Angebot an und konnten so nach einem letzten italienischen Cappuccino mit Blick auf das Mont Blanc Massiv voller neuer Erinnerungen und neuer Bekanntschaften die Heimreise antreten.
Die Berge lehren einem eben nicht nur Disziplin und Vorsicht, sondern auch, dass Hilfsbereitschaft und ein Miteinander die wichtigsten Werte sind.
Bericht: Kone Pfoser
Bilder: Pfoser, Lindbüchl
