Der Winter 2024/25 fing früh an. „Erhöhte Lawinengefahr“ titelte der Salzburger Lawinenlagebericht Mitte September 2024. Ähnlich wie bei Windsurfern, wenn am Chiemsee die Sturmwarnung losgeht, stellt eine Lawinenwarnung in gewisser Art und Weise einen Alert bei uns Skitourengehenden dar. Wenn über 150 Zentimeter Schnee vorausgesagt werden, dann werden vorsorglich Winterreifen gewechselt und Schneeketten ins Auto gelegt.
Mit einer WhatsApp in die Skitourengruppe startete das Unterfangen. Tatsächlich ging es bereits am nächsten Morgen, nämlich am 15.09.2024, um 06:00 Uhr beim Knott in Jacking los. Mit dabei waren Lena Limmer und Christoph Rother, Trainer B Skihochtouren.
Das perfekte Ziel zu identifizieren war gar nicht so einfach. Hoch genug musste der Ausgangsort sein, also mindestens 1000 Meter, höchstens zwei Stunden von Passau aus entfernt. Weiter westlich sah das Wetter besser aus, dafür lag dort weniger Schnee. Von Osten her drohte tagsüber neues Ungemach. Die Temperaturen sollten je nach Region im Tagesverlauf vom Gefrierpunkt auf bis zu 4°C steigen. Nach längerer Diskussion mit unserem Mitglied und Local Johannes Denk in Innsbruck, Analyse der Schneehöhenkarten von SnowGrid, Icon-D2 und Exolabs sowie intensivem Studium von Windy.com kristallisierte sich schlussendlich eine Erkundungstour auf das Sonntagshorn (1961 m), in den Chiemgauer Alpen heraus. Das Sonntagshorn gilt als recht sicherer Skitourenberg, das Gelände steilt praktisch nicht über 29,5° auf. Gleichwohl galt es die Risiken der besonderen Schneelage und ungewöhnlichen Jahreszeit im Blick zu behalten.
Mit Lena war ich auf mehreren Sektionsskitouren des vergangenen Winters unterwegs gewesen (Südwiener, Pflerschtal), hinzu kamen Sommertouren der Hochtourengruppe (Rameschüberschreitung, Grimming). Eigentlich waren wir noch im Hochtourenplanungsmodus, wir philosophierten über den Stüdlgrat am 3. Oktober-Wochenende. Doch bei der Schnee- und Wetterlage war schnell klar, dass dieses einmalige Ereignis sofort ausgenutzt werden musste. Gesagt getan.
Beim Heutalbauer auf ca. 1000 Meter Seehöhe konnten wir mit den Ski bereits starten. Am Lahnersbach ging es entlang. Unterbrechungen gab es nur durch noch geschlossene Stacheldrahtzäune.

Mit zunehmender Höhe nahm die Schneehöhe immer mehr zu. Es war einen Tick zu warm, sodass das Spuren zur Schwerstarbeit wurde. Ich sackte bei jedem Schritt durch die angefeuchtete Schneedecke durch. Lena ließ mir gerne den Vortritt. Denn das Skianheben war anstrengend. Wir bemerkten, dass Skitourengehen Muskeln fordert, die im Sommer scheinbar vollkommen vernachlässigt werden.


Trotz der Bekanntheit des Sonntagshorns war niemand anderes vor uns unterwegs. Damit hatten wir auch die gesamte Spurarbeit zu leisten. Beeindruckend war die Schneehöhe auf den Dächern der Hochalm (1400 m). Wir staunten nicht schlecht, als wir noch Jungvieh bei einem Stall entdeckten. Der Bauer muss von dem massiven Wettersturz überrascht worden sein. Die Tiere hatten aber ausreichend Heu, sodass kein Grund zur Sorge bestand.




Ab der Hochalm wurde es mit zunehmender Höhe merklich kühler, sodass die Spurarbeit einfacher wurde. Doch nun stollten die Felle. Zudem setzte recht kalter Wind ein. Die Sicht nahm ab. Die Verhältnisse wurden extremer. Die Tour aufs Sonntagshorn ist mir an sich aufgrund zahlreicher Begehungen und Führungen für die Sektion bestens vertraut. Die Bäume waren im Nebel jedoch gute Orientierungshilfe. Tatsächlich konnten wir an steileren Böschungen sogar Schneemäuler und Rutschungen entdecken. Als Lawinenprobleme identifizierten wir Gleitschnee und Nassschnee. Oben hinaus beobachteten wir zudem massive Schneeverfrachtungen durch den Wind aus nördlicher Richtung.



Der Gipfel lud aufgrund des eisigen Nordwinds nicht zum Verweilen ein. Die ersten Schwünge waren ungewohnt und fühlten sich unwirklich an, vor allem wegen der äußerst anstrengenden Spurarbeit waren die Beine schwer. Zudem war die Sicht eingeschränkt, sodass Schneeverwehungen nicht immer sofort erkennbar waren. Schnell waren wir in unserem Rhythmus, schnell fühlte sich Skifahren im September als das Normalste von der Welt an. Der mittlere Bereich der Abfahrt war traumhaft. Pulver im September. Unbeschreiblich.



Doch dann wurde der Schnee schwer. Zur Hochalm hin freuten wir uns über unsere eigene Aufstiegsspur, in der wir abfahren konnten; denn im freien Gelände blieben wir im tiefen und durchfeuchteten Schnee schlicht stecken. Tatsächlich wagte sich noch eine andere Gruppe Skitourenverrückter in unserer Spur Richtung Gipfel. Für die Abfahrt wählten wir die sog. Rodelbahn, bis eine durch die Schneelast umgefallene Buche den Weg versperrte. Da der Viehbesitzer mit seinem Traktor tatsächlich den Weg in der Zwischenzeit schneefrei geräumt hatte, beendeten wir hier kurzerhand unsere erste Septemberskitour. Den restlichen Weg zum Auto legten wir zu Fuß mit den Ski am Rucksack befestigt, zum Schluss dann noch im Nieselregen, zurück.

Das Fazit: Dermaßen viel Schnee ist immer etwas Besonderes. Eine Skitour im September ist außergewöhnlich. Wir waren begeistert. Schön war’s.
Facts: 14,4 Kilometer, 1120 Höhenmeter, Dauer 5 Stunden.
Bericht: Christoph Rother
Fotos: Christoph Rother und Lena Limmer
