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Hochtour Hohe Tauern – Venedigergruppe

Die weltalte Majestät hat geladen.

Letzte Woche wären wir hier noch im Schneegestöber gestanden. Heute strahlt die Sonne, aber der Gastgeber im Festsaal der Tauern ist noch immer in zartes Weiß gekleidet. Seine prominenten Nachbarn geben sich ähnlich feierlich, hält sie doch ein eisig fließender Bund zusammen – noch. Basti, Josef und mir jagt diese großartige Unnahbarkeit zwischen Venediger und Geiger kurz nach der Ankunft auf der Kürsinger Hütte (2558 m) gehörigen Respekt ein. Durch diesen zerklüfteten Gletscher und vorbei an seinen Riesenspalten wollen wir morgen gehen? Da wirkt die Blockkletterei am Westgrat fast schon nebensächlich.

Die Warnschilder auf der Hütte zur momentanen Spaltensturzgefahr nehmen wir also ernst und brechen um halb 5 Uhr auf. Nachdem wir zunächst über das apere Obersulzbachkees in frisch vom Gletscher freigelegtes und daher recht loses Blockgelände queren, erwartet uns weiter oben tiefer sulziger Schnee. Das heißt, zum einen mühsames Spuren auf dem schon einige Tage nicht mehr begangenen Anstieg und zum anderen untermalt es die Warnungen vor den Spalten. Nach vier anstrengenden Stunden können wir endlich an der Westgratscharte auf die Schleifen unserer Fußabdrücke zurückschauen.

Nun ändert sich die Bewegungsart und auch der Klang, der unsere Bewegung begleitet. Das monotone Einsumpfen im Sulz geht über in schrilles Kratzen der Steigeisen auf dem schneebedeckten Urgestein. Was bleibt, ist das Gehen am „gleitenden Seil“, es bietet sich im homogen geneigten und leichten Klettergelände an, um zügig voranzukommen.

Gletscheranstieg vor Westgrad am Venediger

Eine Stunde später stehen wir schon am Gipfel, den wir anfangs sogar allein für uns haben, bis bald darauf unsere slowenischen Tischnachbarn vom Nordgrat aussteigen. Für sie war es heute nur eine Trainingstour für einen Berg anderer Dimension, nämlich den Manaslu. Wir wissen nicht, ob wir stolz oder belustigt sein sollen, als sie unsere weiteren Tourenpläne quittieren mit: „It´s a good training“.

Drei mal glücklich am Gipfel

Für uns jedenfalls sind es keine kleinen Ziele, auch wenn mit dem Venediger die „Pflicht“ schon erfüllt ist, wie Josef es treffend bezeichnet. Die Kür kommt am nächsten Tag mit purer Genusskletterei am Keeskogel (3290 m).

Der Hausberg der Kürsinger Hütte (2558 m) ist ohne Gletscherkontakt zu erreichen und so können wir uns heute ganz aufs Kraxeln konzentrieren.

Aussichtsreich und genussvoll in Richtung Keeskogel

In typischer Gratmanier serviert uns der Südanstieg einen Wechsel aus leichtem Blockgelände mit kurzen schwereren Aufschwüngen.

Typisches Gelände am Keeskogel Südgrat

Einen delikaten Riss, der mit einem Sechser bewertet ist, und sich durch einen 30 Meter hohen senkrechten Turm zieht, umgehen wir mangels Kletterschuhen und -künsten. Einer scharfen Schuppe, die quer durch eine steile Platte leitet, können wir aber nicht widerstehen.

Basti in der Schlüsselstelle am Keeskogel

Nach dieser heutigen Schlüsselstelle im vierten Schwierigkeitsgrad sammeln wir noch einige schöne Verschneidungen und Risse ein, bevor wir uns bald am Gipfel des Keeskogel beglückwünschen. Heute bleiben wir allein hier oben, lediglich eingehüllt in durchziehende Nebelschwaden, die uns immer wieder kurze Blickfenster auf die Bergwelt der Tauern geben. Ein Spezl hat einmal gesagt: „Richtig genießen kannst a Bergtour erst, wenns vorbei is“. Das stimmte – zugegebenermaßen – schon oft, aber eben nicht immer. Heute war so ein Tag, reich gefüllt mit schönen Eindrücken auf unserem Weg: Das Morgenrot auf den braunen Gneiswänden, die im angewehten Sand badenden Schneehühner, der Honigduft des blühenden Klees, der Rhythmus beim Klettern…und am Ende ein großes Stück Kuchen auf der Hüttenterrasse. Den Nachmittag lassen wir im Klettergarten kurz unterhalb der Hütte ausklingen und erleben dabei überrascht, wie steil man mit Bergschuhen noch klettern kann.

 

Teufelskralle vor dem Matterhorn des Pinzgaus

Nachdem wir bisher für Hüttenverhältnisse gute Nächte hatten, fällt heute der Schlaf einer Gruppe von Bonner Hochtouristen zum Opfer. Die einen rumpeln um Mitternacht sturzbetrunken ins Lager, andere träumen im Schlaf vermutlich vom Spaltensturz und rufen panisch um Hilfe. Wir sind fast erleichtert als um 3 Uhr der Wecker klingelt. Noch im Dunkeln queren wir unter dem Obersulzbachkees nach Süden und nehmen den langen Anstieg zum Obersulzbachtörl, Richtung Großen Geiger. Der von dort im Rother-Führer beschriebene Weiterweg am Kamm Richtung Geiger Nordostwand wird uns von einem äußerst brüchigen Grat-Gendarm verwehrt.

Anstieg zum Großen Geiger

Etwas langwierig umgehen wir diesen über ein Firnfeld und am Fixseil durch eine erdige Rinne. Der Weiterweg bietet schöne leichte Kletterei, die wir seilfrei bewältigen können. Am Einstieg zum Ostgrat des Geiger entscheiden wir uns jedoch aufgrund der schon fortgeschrittenen Zeit zur Umkehr, da wir das Hüttentaxi ab der Materialseilbahn auf keinen Fall verpassen wollen.

Gut getarnte Schneehühner

Wir nehmen uns Zeit und bewundern von unserem „vorgelagerten“ Gipfel auf knapp 3100 m die Seracs auf der Südostseite des Venedigers und schauen den Dohlen bei ihren Flugmanövern zu. Auch heute treffen wir niemanden auf unserem Weg, eigentlich unglaublich, wenn man das Treiben auf der Hütte sieht. Das bestätigt einmal mehr, dass sich auch in so berühmten Gefilden, wie sie die weltalte Majestät bietet, ruhige und einsame Anstiege finden lassen. Diese eindrücklichen, anstrengenden und lohnenden Tourentage finden mit einem Bad im reißenden Obersulzbach einen erfrischenden Abschluss.

Die hohen Tauern vom Venediger bis zur Dreiherrenspitze

Fotos: Stefan Ossyssek, Josef Geiß, Sebastian Prügl

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