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Durch die Mayerlrampe auf den Großglockner (3798 m)

Der Wecker rasselt unbarmherzig: Es ist Zeit, aufzustehen! Aber wir sind doch gerade erst in unsere Schlafsäcke hineingekrochen! Wir reiben uns die Augen, schauen auf die Uhr: 0:30 Uhr. Ja, wir müssen raus, wenn wir erfolgreich sein wollen! Schlaftrunken öffnen wir den Reißverschluss des Schlafsacks, kriechen aus unserem „Himmelbett“ (ein Ford Focus Caravan und ein Zelt im Parkhaus), steigen in unsere Bergschuhe – alles andere haben wir schon an – und entzünden den bereits am Vorabend vorbereiteten Kocher. Eigentlich hat noch keiner Appetit, aber ein bisschen was muss man essen und trinken, bevor man startet. Eine Tasse Kaffee, ein Becher Müsli, das muss reichen. Um 01:00 Uhr sind wir abmarschbereit. Im Schein unserer Stirnlampen verlassen wir, noch etwas wackelig, unseren Stützpunkt, die Franz-Josephs-Höhe in den Hohen Tauern. Wir haben uns für die geplante Tour eine ungewöhnliche Strategie zurecht gelegt, 18 Stunden später haben wir die Gewissheit, dass sie richtig war!
Bereits Monate vorher haben wir über unser Ziel diskutiert, etliche Tage vor dem festgelegten Wochenende den Wetterbericht verfolgt und die Verhältnisse vor Ort mit Hilfe von Webcams studiert. Wir waren sicher: es passt. Dann, wenige Tage vor unserem Start, die völlig unerwartete und ernüchternde Information vom Hüttenwirt der Oberwalderhütte, dass noch viel zu viel Schnee liegt, um anspruchsvolle Anstiege zu wagen. Wir fahren trotzdem, entschließen uns aber, zunächst eine Akklimatisations- und Erkundungstour zu machen, um die Verhältnisse vor Ort besser einschätzen zu können. Wir entscheiden uns für den Johannisberg, von dort hat man einen hervorragenden Einblick in unser eigentliches Tourenziel. Zum Glück haben wir die Skier dabei und erleben so am letzten Wochenende im Mai eine tolle Skitour mit traumhaften Firn – und fast völlig allein. Wir können bis zum Ende der Pasterze abfahren. Damit hat wohl keiner mehr gerechnet.

Tourenführer erfüllen sich einen lang gehegten Traum

Die Beobachtungen während dieser Tour bekräftigen uns: Die Verhältnisse scheinen zu passen. Aber bei der Abfahrt sehen wir viele Bergsteiger, die sich auf den Weg gemacht haben zur einzigen Schutzhütte am Fuß der Wand, zum sog. Nordwandbiwak auf ca. 3.200m. Uns wird klar: Eine Nacht dort oben zu dieser Jahreszeit wird sehr ungemütlich! Um sie durch zu stehen, sind Schlafsack, Isoliermatte und Kocher unbedingt erforderlich. Mit dieser Zusatzlast wird jedoch die geplante Tour zur Tortur. Wir überlegen, diskutieren und kommen zu dem Schluss: Wir machen die Mayerlrampe auf den Großglockner von der Franz-Josephs-Höhe aus, ohne belastende Biwakausrüstung. Notfalls können wir nach dem Gipfel im Winterraum der Adlersruhe Zuflucht suchen.
Mit „leichtem“ Gepäck – neben Wechselwäsche, Wetterschutzkleidung, Verpflegung, Seil, Biwaksack und was man sonst so dabei hat, zusätzlich Steigeisen, Pickel und Eisbeil, 9 Eisschrauben je Seilschaft, Expressschlingen, Karabiner…. – steigen wir zunächst hinab zur Pasterze. Der Eisrückgang der letzten Jahrzehnte hat diese erste Etappe bereits deutlich verlängert, alleine in den letzten 30 Jahren um ca. 150 Höhenmeter! Die anschließenden 1.200 Höhenmeter Aufstieg zum Nordwandbiwak bewältigen wir in ca. 3 Stunden. Der Schnee ist hart gefroren, die Spuren vom Vortag erleichtern den Aufstieg erheblich, wir brauchen keine Steigeisen. In der Morgendämmerung – gegen 05:00 Uhr – erreichen wir das Biwak. Optimales „timing“: Zu diesem Zeitpunkt verlassen die letzten Nordwandaspiranten diesen Zufluchtsort – die meisten brechen auf zur berühmten Pallavicinirinne. Die Spuren im Schnee zeigen uns: Einige mussten tatsächlich die Nacht außerhalb der Hütte ausharren, einem sehr unwirtlichen Ort. Im Vergleich dazu war unser Schlafplatz urgemütlich! Wir können uns nun im Schutz der Hütte stärken, die Eisausrüstung vorbereiten und eine halbe Stunde später brechen auch wir auf zur Nordwand, zu unserer eigentlichen Tour.
Nach 10 Minuten stehen wir am Fuß der 200m hohen Einstiegswand, einer ca. 50° steilen Eisflanke. Die Verhältnisse sind hervorragend, gut spurbarer Firn ermöglicht rasches seilfreies Vorwärtskommen, nach einer halben Stunde erreichen wir den Beginn der eigentlichen, 250m hohen Eisrampe. Dort sieht es schon ganz anders aus: Die Rampe steilt deutlich auf, das Eis ist blank und hart. Schnell wird angeseilt, nun geht es Seillänge für Seillänge hinauf. Die Frontalzacken der Steigeisen und die Spitzen der Eisgeräte dringen gerade mal ein bis zwei Zentimeter ein ins Eis, Eisschrauben geben die nötige Sicherheit. Anfangs ist die eisbedeckte Rampe noch mehrere Meter breit, die letzten 30 Hm hinauf zum Grögerschneid sind jedoch nur noch durch ein ca. 1m breites Couloir mit dünner Eisauflage zu erreichen! Eine Eisschraube kann ich lediglich zu Beginn dieses „Eisschlauchs“ setzen. „Eine Eisroute aber ist heute noch fast so gut zu begehen wie zur Zeit ihrer Erstbegehung: die Mayerlrampe in der Nordwand des Großglockners“ schrieben Schmitt E. und W. Pusch 2004 in ihrem Hochtourenführer Ostalpen. So rasch verändern sich die Bedingungen, der Eisschwund selbst auf den höchsten Bergen der Ostalpen ist deprimierend! Wie lange kann man wohl noch die großen klassischen Eisanstiege in den Alpen mit vertretbarem Risiko durchführen?
Der anschließende Firngrat „Grögerschneid“ ist wunderbar zu begehen: Nicht schwierig, aber ausgesetzt, mit tollen Aus- und Tiefblicken! Die letzten 150 Höhenmeter zum Gipfel werden dann über den Nordwestgrat überwunden. Dort sind Kletterstellen im oberen 3. Grat zu bewältigen, nicht schwierig, aber ungemein steil und ausgesetzt. Hier war tatsächlich noch viel Schnee, Gott sei Dank waren schon einige wenige Seilschaften vor uns, die uns die Spurarbeit abgenommen und die Wegfindung erleichtert haben.
Um 13:00 Uhr erreichen wir stolz und überglücklich den Gipfel des Großglockners, leider vereiteln schon seit einigen Stunden Wolken die Rundumsicht. Wegen der schlechten Sicht und des auffrischenden Windes – die nächste Schlechtwetterfront kündigt sich an – beginnen wir rasch mit dem Abstieg. Auch der Normalweg auf den höchsten Berg Österreichs darf nicht unterschätzt werden! Eine Stunde später suchen wir Schutz im Winterraum der Adlersruhe, stärken uns und fassen den Entschluss, noch weiter ab zu steigen über das Hofmannskees hinab zur Pasterze. Zu ungemütlich ist diese Zufluchtsstätte. Während des Tages ist die Schneedecke jedoch völlig durchfeuchtet und wir sinken bei jedem Schritt tief ein, teilweise bis zu den Hüften. Ein harter Test unserer Kondition!
Die letzte Etappe unserer „Expedition“ – vom Pasterzenboden wieder 300 Hm hinauf zur Franz-Josephs-Höhe – ist dann zwar mühsam, aber ohne irgendwelche Risiken und mit der Erinnerung an einen großartigen Erfolg im Gepäck. Um 19:00 Uhr erreichen wir müde, aber überaus zufrieden, unseren Ausgangspunkt. Still sitzen wir für einige Minuten auf der Aussichtsplattform, jeder für sich, bevor wir wieder gemeinsam etwas essen, trinken, die Ausrüstung sortieren und ins Auto packen.
Ein wunderbares Wochenende liegt hinter uns: Wir haben uns einen Traum erfüllt, er war anspruchsvoll und anstrengend, aber wir hatten unseren Spaß. Mal schau‘n, was als Nächstes kommt? Auf dem Wunschzettel stehen noch einige großartige Ziele! Gerne werde ich wieder berichten.
Bericht von Hans Jehl
Mit dabei waren: Marco Treiner, Hannes Kindermann, Hans Jehl und Alois Herleinsberger.


Gipfel: Großglockner (3.798m)

  • Route: Mayerlrampe
  • Erstbegeher: S. Mayerl, H. Lindner und H. Messner am 19.10.1967
  • Anforderungen: D (dificile, schwierig)
  • Eisrampe bis 70°, NW-Grat bis III+
  • Aufstieg: Franz-Josephs-Höhe – Pasterze 300 Hm ↓, Pasterze – Großglockner 1.800 Hm ↑
  • Abstieg: Großglockner – Pasterze 1.800 Hm ↓, Pasterze – Franz-Josephs-Höhe 300 Hm ↑
  • (zusammengefasst: 2.100 Hm in Auf- und Abstieg)

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